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Marlies Breier über ihre Zeit mit der EAV

Die Kunstlehrerin Marlies Breier gehörte in der Anfangszeit der EAV zum nahen Umfeld der Band, auf dem Debutalbum von 1978 wird sie sogar namentlich erwähnt. Marlies hat mir einige ihrer Zeichnungen überlassen, mit denen sie unter anderem die Bandmitglieder Thomas Spitzer, Anders Stenmo und Gabi Aigner portraitierte, sowie einen visuellen Entwurf zum EAV-Song „Disco Queen“. Marlies brach den Kontakt zur Verunsicherung Ende 1980 bewusst ab. Umso mehr freue ich mich, dass sie sich bereit erklärt hat, über ihre Zeit mit der EAV zu sprechen.

Das EAV-Archiv: Marlies, in der Anfangszeit der EAV gehörtest du zum nahen Umfeld der Band, auf dem Debutalbum von 1978 wirst du sogar namentlich erwähnt. Wie ist der Kontakt zur Verunsicherung entstanden?

Marlies: Ab circa 1976 studierte ich mit Thomas Spitzer und Nino Holm in derselben Grafik-Klasse an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien. Wir wurden Freunde und bald darauf lernte ich auch Anders Stenmo, einen Studenten der Filmakademie, kennen. Er spielte mit Nino Holm und den sehr begabten Musikerbrüdern Thomas und Bernhard Rabitsch bei Antipasta. Thomas Spitzer und Nino Holm hatten schon bald die Vision eines Musiktheaters und mieteten ein wildromantisches Probelokal am Bauernmarkt in Wien – direkt über der wilden Jazz-Gitti. Leider ist es mittlerweile schon abgerissen. Eines Morgens, nach durchgemachter Nacht, posierte Thomas Spitzer am Bauernmarkt in einem durchgesessenen Ledersofa mit seiner durchgewetzten Lederjacke und meldete: „Jetzt werden wir berühmt!“

Das EAV-Archiv: Wie ging es weiter?

Marlies: Kurz darauf wurde Anders Stenmo als Schlagzeuger in die Gruppe genommen. Seitdem wurde „verunsichert“ und ich habe circa fünf Jahre lang mitgearbeitet, mitstudiert und mitgelebt. Bald kam auch Wilfried dazu, der Musik-Traktor aus Bad Goisern, der Showbiz-Erfahrung daherkarrte, immer fröhlich, freundlich und siegessicher. Marina Tatic hat sich gleich verliebt. Die EAV fing an, Karriere zu machen. Nach Wilfried kamen STS, die menschlich qualitativ wohl die Besten waren, aber irgendwie nicht wirklich mit der Verunsicherung harmonierten. Die Comic-Figur Klaus Eberhartinger erlebte ich zum Glück nicht mehr mit.

Das EAV-Archiv: Was waren deine Aufgaben bei der EAV?

Marlies: Um den Ideenfluss bei den Proben anzuregen, habe ich Requisiten gebaut, zum Beispiel einen Pferdekopf, einen Joint und Sportschuhlatschen, die zwanzigmal so groß wie in Wirklichkeit waren. Auch meine Kochkünste waren sehr gefragt. In unserer Land-Zeit auf einem Bauernhof in der Steiermark gab es zu Magerzeiten nur Most und halbe Schweine. Ich bin Vegetarier, aber zum Glück wuchsen im Wald manchmal Pilze und Kürbisse – und Mais konnte man auch finden.

Das EAV-Archiv: Neben deiner Tätigkeit bei der Verunsicherung hast du auch für das österreichische Kulturmagazin STERZ gearbeitet. Wie kam es dazu?

Marlies: Nachdem ich bei der EAV nicht wirklich ausgelastet war, machte ich unserem (C) STERZHochschul-Assistenten, den viele von der EAV gut kannten und schätzten, den Vorschlag, einen Wien-Teil herauszugeben. Idee angenommen und große Freude mit intensiver Arbeit! Eigentlich gehörte das für mich zusammen: die EAV, die STERZ-Arbeit, doch diese Illusion zerschlug sich. Nach der ersten Nummer des Wien-STERZES, mit dem Thema Frauen (!), forderte der Assistent seine Belohnung ein, aber das gehört wohl eher in ein Strafregister. Trotzdem machte ich noch drei Jahre lang weiter, allerdings ohne Steirer-Kontakt. Was witzig ist: Vor kurzer Zeit befragten mich zwei Literaten, wieso ich als einzige Frau der 70er Jahre in der Literatur-Herausgeber-Szene erscheine. Keine Ahnung, war halt nicht üblich.

Das EAV-Archiv: Über die EAVler Walter Hammerl und Gabi Aigner weiß man bis heute am wenigsten. Kannst du beschreiben, was sie für Menschen waren?

Marlies: Walter Hammerl, das PR-Genie aus dem Dunstkreis der Gruppe, war der Typ „Frauenversteher“. Viele Frauen waren in den Bann gezogen, sein Charisma war einzigartig. Doch er wollte weiter. An den Horizont. Und schaffte es auch im zweiten Anlauf. Gabi Aigner schneiderte jahrelang die Kostüme für die verschwitzten Bühnenhelden und nahm sie ihnen nach dem Auftritt wieder ab, ekelig stinkend und nassgeschwitzt. Sie musste die Kostüme nach den Auftritten auch flicken. Gabi arbeitete sehr viel und litt. Sie war eine urliebe, begabte und bescheidene Frau, aber zu sehr leidensbereit. Zum Glück konnte sie sich ein neues Familienglück mit Mann und Kind schaffen.

Das EAV-Archiv: Warst du selbst auch einmal auf der EAV-Bühne oder hast du ausschließlich im Hintergrund gewirkt?

Marlies: Ich war, wie Gabi Aigner auch, kein Bühnentyp. Einmal bekam ich allerdings die Ehre: als Franz Josef Strauß in Vogelstrauß-Montur bei einem Auftritt im Münchener „Marienkäfer“.

Das EAV-Archiv: „Thomas Spitzer ist die EAV.“ Würdest du diesen Satz unterschreiben?

Marlies: Thomas Spitzer ist als Texter genial, menschlich allerdings fragwürdig. Er hat ein großes Ego, ein großes Karrierebewusstsein und einen derben, steirischen Humor. Er haute sich am meisten über seine eigene Einfälle ab. Der Humor von Nino Holm und Anders Stenmo, der viel diffiziler war, wurde nicht genug gewürdigt.

Das EAV-Archiv: Deine Zeit mit der EAV liegt lange zurück: Wie trennten sich die Wege und was machst du heute?

Marlies: Die Zeit war menschlich ein Desaster und ich beschloss, mein Leben zu ändern. Ich lebte dann ein neues Leben und lebe es bis jetzt: Zeichnen in Griechenland, Ausstellungen, neue Liebe, Schule, Kinder, Lichtobjekte, Wettbewerbe usw. Ich habe alle Kontakte abgebrochen und als Kunstlehrer weitergearbeitet. Und was singen mir dann die ersten Schüler meines Lebens vor? Na eben, die EAV. Zu welchen Konzerten gingen meine pubertären Kinder? Na eben…

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