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Rock’n’Roll is here to stay

Dieser Tourbericht stammt aus dem Forum der Höflichen Paparazzi.

Es war 1981, und, wenn mich nicht alles täuscht, Nikolausabend. Ich arbeitete im Jugendzentrum, verdiente mir als Student damit den Lebensunterhalt. Das Juz, in einer südlich von Frankfurt gelegenen Gemeinde, war ursprünglich eine hölzerne Baracke, ohne Komfort, ohne alles eigentlich, aber die Kids mochten den rohen, gemütlichen Charme der Hütte sehr. Viele alte Sperrmüllsofas, mit Brandlöchern, zwei riesige Kühlschränke fürs Bier, und ein Bose-Verstärker, der innerhalb einer Woche jeden Baßlautsprecher mordete.

Die sozialdemokratisch geführte Gemeinde hatte in den späten siebziger Jahren beschlossen, etwas für die Jugend zu tun, und baute neben diese gemütliche Baracke ein neues Jugendzentrum. Einen „Mehrzweckbau“, quaderförmig, Klinker innen und außen, Fliesenboden. Große Halle in der Mitte, sieben, acht Meter hoch, außenrum Werkstätten, eine Küche, ein Sozialraum, Toiletten. Stahltüren. Vergitterte Fenster. Ein Klotz, wie ihn die damalige Reformpädagogik für toll hielt.

Die Kids waren nur in der „Baracke“ zu finden, der Neubau, zehn Meter entfernt, war tot. Ich kann das heute noch gut verstehen.

Um nun den politisch Verantwortlichen dieses Desasters nicht in den Rücken zu fallen (die< Gemeinde bezahlte ja immerhin unser Betreuerteam, und nicht schlecht), veranstalteten wir regelmäßig Konzerte in diesem Kasten. Alles, was uns gefiel: Hardrock, Folk, lokale Größen, immer schön reihum. Die Kids, und deren Geschmack, waren da nicht so wichtig, weil wir eine große Gemeinde waren, in der es genug Freaks wie uns gab. Und es war immer ausverkauft.

Ja, und dann kamen die Österreicher, blind gebucht, auf Empfehlung („Wahnsinn, Mann, das geht ab, geilgeilgeil“) eines Durchblickers. Erste Allgemeine Verunsicherung, das stand auf dem Bandbus, einem uralten SETRA, der Samstagsmittags auf den Hof des Jugendzentrums dieselte. So ein riesiger, gemütlicher, runder, rot-weißer Nachkriegs-Omnibus, zum Tourgefährt ausgebaut, und vollgestopft bis unters Dach. Die Tür flog auf, und sieben, acht langhaarige, grinsende Typen purzelten in einer alkoholgeschwängerten Ganja-Wolke aus dem Bus.

Ein paar Worte hin und her, das österreichische Idiom war so gut verständlich wie unser Hessisch, und wir waren Freunde.

Es folgte die Ortsbesichtigung. Diese ergab, daß der Bandbus zwecks Be-und Entladung sinnvollerweise um den Neubau herumchauffiert werden solle, um zwischen ebendiesem und der Baracke geparkt kürzeste Arbeitswege zu ermöglichen. Der Fahrer schaffte es dann tatsächlich, das Ungetüm vom sicheren Asphaltparkplatz, auf dem bisher alle Bandbusse geparkt hatten, auf das Rasenstück zwischen den Gebäuden zu manövrieren.

Wie gesagt, es war Dezember. Der Boden war weich, aber es ging so gerade eben, mit der Fahrerei. Der Himmel war sonnigblau, und die Luft war klar.

Das Konzert war der Hammer. Sauber ausgesteuerter und perfekt zelebrierter Rock, Reggae, Schlagerparodien, dazu Kostümierungen, Comedy-Einlagen. Ironisch bissige Texte, die mir öfter mal Lustschreie entlockten und in der rap-pel-vollen Halle für Enthusiasmus sorgten. Süße Wölkchen und Bierdunst – das Grande Finale des Auftritts fand ziemlich im Nebel statt.

Dann, nach dem Auftritt, tranken wir ein paar Bier miteinander, lachten, alberten, und bauten die Anlage ab. Trugen sie zum Bus, der draußen wartete, in der elenden Kälte, die der klare Himmel gebracht hatte. Alles wurde verstaut, die Band wollte noch ein Stück weiterfahren, um am nächsten Tag im Schwäbischen auftreten zu können. Wir umarmten uns, verschwitzt, besoffen und bekifft, wie wir waren, schworen uns ewige österreichisch-hessische Blutsbrüderschaft, und der Diesel sprang nagelnd an.

Er brummte, der alte Selbstzünder, laut, wieder leiser, wieder laut, aus dem Auspuff kam öliger Qualm, aber der Bus bewegte sich nicht. Keinen Zentimeter. Doch: fünf, zehn Zentimeter vor, und dann wieder zurück. Und nochmal. Aber das war’s auch.

Der Bus war auf dem weichen Rasenstück eingesunken, mit den Reifen. Etwa zwanzig, dreißig Zentimeter tief, was keinem weiter aufgefallen war. Dann war der Frost herniedergeklirrt, und jetzt waren die Mulden, in denen der SETRA stand, gefroren. Nachts um zwei, fünfzehn Grad minus, und der Bandbus festgefroren.

Wir schoben mit zehn Mann, rhythmisch schaukelnd, wir banden ein Dienstfahrzeug der Stadtverwaltung vorne an den Bus, und gaben Gas, bis sich die Kupplung in Rauch auflöste, allein, es half alles nicht: der Bus stand, wo er eingefroren war.

In diesen Zeiten hielt man zusammen, wenn man das Gefühl hatte, zusammenzugehören – was ja manchmal ziemlich diffus war. Hier war der Fall klar. Wir verteilten die acht Bandmitglieder, ebensoviele Sozialarbeiter plus Anhang, und etwa fünfzehn Kästen Bier auf die Privatfahrzeuge und fuhren: „Zu mir!“, wie ich einfach so mal gesagt hatte. Ohne die Situation vollständig zu überblicken. Was ein Fehler war, aber wen kümmert das.

Ich hatte eine etwa – na! 35-qm-Souterrain-Wohnung, spärlich, aber liebevoll Ikea-eingerichtet, und in dieses mein Heim fielen jetzt eine komplette, durchgeknallte Wiener Showtruppe, etliche euphorische Sozialarbeiter, deren Anhang, sowie einige Minderjährige, die mit ihren Mopeds der unseligen Karawane nachgefahren waren, ein. Das Bier wurde hereingeschleppt, Spliffs gerollt, Musik angemacht, Kerzen und Räucherstäbchen angezündet, die Österreicher bekamen Hunger, und backten sich Spiegeleier auf dem Herd, dazu wurden meine Nudelvorräte gekocht, mit Knoblauch und Zwiebeln vermengt, Paprika dazu, „He! Is nochirgendwo ’n Teller?“ – also, die Atmosphäre war so dicht und gepackt, wie sie eben sein kann, wenn man sich praktisch gegenseitig auf dem Schoß sitzt und glücklich ist.

Die Nacht verging wie im Fluge – wie das halt so ist, wenn die Stimmung paßt. Alles krakeelte durcheinander, dann wurde es etwas stiller, als der Spitzerthomas die Geschichte vom gestorbenen Bandleader Walter erzählte. Schön, mit Ösi-Schmäh, es trieb uns die Tränen in die Augen, und das Bier hinein.

Nachdem wir die letzten Schoppen als Frühstück deklariert hatten, fuhren wir in einem Konvoi, der jeder militärischen Ordnung spottete, zurück zum Jugendzentrum und zum Bus, der dort mit vereisten Scheiben auf seine Besitzer wartete. Es war Sonntag, zehn Uhr, und der Bauer, den ich angerufen hatte, kam mit seinem Bulldog und einer Stahltrosse.

Unvergessen der Blick des Landwirtes, voll stummer Verachtung die Horde der besoffenen Hippies musternd. Sehr! tadelndes Stirnrunzeln in meine Richtung, durch Achselzucken und große Augen quittiert. Die Trosse eingehängt, ein Rrrruck, und der Bus war frei, ich drückte dem Bauern einen Hunderter aus der Abendkasse in die Hand, was ihn freute, und ob wir ein Bier hätten, auf die Schnelle vielleicht?

Wir tranken – mittlerweile frierend – noch einen Schoppen, der uns aber meistenteils gar nicht mehr so schmeckte. Es war Sonntag, kalt, hell, klar, der Bulldog fuhr davon, und die Tür des SETRA schloß sich. Wir winkten, aber eher verschwörerisch, als der Bus losfuhr. Dann zerstreute sich auch die Entourage. Ich fuhr heim, sehr müde.

Meine Wohnung sah aus, als hätte ein Tornado gewütet, und roch wie ein Schweinekoben. Aber ich war trotzdem glücklich!

Das war damals so.

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