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Marina Tatic

(C) Matthias / www.wilfriedscheutz.atMarina Tatic ist EAVlerin der allerersten Stunde. 1977 zählte sie zu den Gründungsmitgliedern der Band. Während ihr heutiger Mann Wilfried Scheutz am Mikrofon stand (er sang auch auf dem legendären 78er Debutalbum), trat Marina Tatic als Bühnenakteurin in Erscheinung und schneiderte die Kostüme der ersten Verunsicherungs-Show. Beide verließen jedoch bereits 1979 die Band. Wilfrieds Nachfolger als Sänger wurde Gert Steinbäcker. Heute – über 30 Jahre später – sieht Marina ihre damalige Rolle bei der EAV durchaus kritisch und bemängelt, dass die EAV ihre sozialkritisch-politische Art zugunsten des Massenerfolges geopfert hat. Das folgende Interview gab mir Marina im April und Mai 2006. Alle Antworten sind ungekürzt! Auf diesem Wege noch einmal vielen lieben Dank, dass du dir die Zeit genommen hast!

Das EAV-Archiv: Marina, wie bist du eigentlich zur EAV gekommen?

Marina Tatic: Thomas Spitzer, Nino Holm und ich waren alle drei Studenten der Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Thomas und Nino in der Graphik-Abteilung, ich in Mode, dekorative Gestaltung und Textil. Wir hatten klarerweise einige Lehrer gemeinsam und da die Studenten einen regen Kommunikationsstil pflegen, erfuhr ich, dass Thomas eine Wohnmöglichkeit sucht. Er bezog ein Zimmer in meiner ersten Wiener Mietwohnung. Hier entstanden die allerersten Ideen zur EAV. Thomas war damals – wie heute – ein begnadeteter Comic-Zeichner und dazu auch politisch sehr interessiert! Daraus entwickelte sich die Idee zu einem gesellschaftskritischen Bühnen- Comic, die später auch zu seiner Diplomarbeit ausgearbeitet wurde: die EAV! Wir bezogen später eine zweite gemeinsame Wohnung – ein Art WG – in der die ersten Proben für die EAV stattfanden, mit unzähligen durchdiskutierten Nächten usw. „Gesellschaftskritisch“ wurde später leider dem Erfolg geopfert.

Das EAV-Archiv: Im Comicheft der ersten LP wirst du auch als Bandmitglied erwähnt. Hast du während der Plattenaufnahmen und während des „Uschi im Glück“-Live-Programms eigentlich ein Instrument gespielt?

Marina Tatic: Ehrlich, ich habe gar nicht gewusst welche Ehre mir mit dieser „Bandmitglied“-Erwähnung zuteil wurde! Es dürfte doch aufgefallen sein, dass keine Frauen in der EAV auf der Bühne aufzufinden sind – außer für diverse Außenposten! Man muss wissen, dass Thomas Spitzer zwar ein Bewunderer selbständiger Weiblichkeit ist, aber im Umgang mit ihr versagt er bis heute jämmerlich. Dadurch wurde für mich, wie für jede weitere Person meines Geschlechts, die Zusammenarbeit eher ein Akt der Unterwürfigkeit als eine Förderung zur selbständiger Rollenentwicklung. Meine Rollen wurden mit den „üblichen weiblichen“ Attributen aus der Sicht eines Machos ausgestattet: großer Busen, Schmollmund, Wortlosigkeit – nur Erscheinen und dümmlich grinsen! Ah ja, ich durfte dann doch noch im „Marienkäfer“ in München die Weihnachtseinlage als schwangere Maria mit einem kurzen Gesangsakt absolvieren! Ich war das erste und letzte weibliche Bandmitglied (wie bezeichnend, dass es kein selbständiges Wort für ein weibliches Mitglied gibt!) Wie hätte ich unter diesen Umständen ein Instrument spielen können?

Das EAV-Archiv: Machst du heute noch Musik?

Marina Tatic: Ich singe nur für mich! Nein, die Musik war nie – abgesehen von einer fünfjährigen Ausbildung in klassischer Gitarre als Kind – mein Leben, obwohl ich nicht verneinen kann, dass mich manchmal die Leidenschaft packt und ich mir überlege, wie wäre es mit dem 4xang (Anm.: die damalige Band ihres Ehemanns Wilfried Scheutz) auf Tour zu gehen. Aber auch hier: Männer und Frauen sind irgendwie zwei Magnetpole, die offensichtlich in der Praxis unter meiner Generation unvereinbar zu sein scheinen. Das muss ich leider immer wieder zur Kenntnis nehmen! Ich bin schon sehr glücklich darüber, dass diese Fronten in der jungen Welt weit aufgebrochen wurden! Ich bin vernarrt in Farben und Formen und bin seit den EAV-Zeiten als freischaffende Künstlerin tätig: Bühnenbild, Kostüme, Innenausstattung, Graphik, Fotographie, Webdesign, Messedeko, Eventdeko, zwischendurch auch Möbelbau, Hausbau, Gartengestaltung usw… In unserer Familie bin ich der Handwerker, meine zwei Männer (Anm.: ihr Mann Wilfried und ihr Sohn Hanibal) sind Musiker!

Das EAV-Archiv: Wie habt ihr damals eigentlich zusammengearbeitet? Haben beim kreativen Teil alle Bandmitglieder mitgewirkt oder war das Ganze in erster Linie Thomas Spitzers Werk?

Marina Tatic: Thomas ist der tatsächliche Erfinder der Idee und als oft betonter Demokrat hat er zwar dieser Idee gehuldigt und hat uns alle aufgefordert mitzudenken und zu gestalten, aber die Entscheidung über das einzelne Thema glich wundersamer Weise immer allein seiner Idee! Natürlich wollte er das – trotz unserer Einwände – nie zugeben. Mit der Zeit breitete sich unter uns eine leichte Apathie aus. Vielleicht ist aber gerade diese unmissverständliche Handschrift der Schlüssel zum Erfolg gewesen!

Das EAV-Archiv: Über Walter Hammerl weiß man von allen EAVlern am Wenigsten. Kannst du kurz beschreiben, was er für ein Typ war?

Marina Tatic: Lieb und vor allem unfassbar schräg. Ein extremer Mensch. Einer, der sich ganz einfach in hundertprozentiger Hingabe an das jeweilige Thema vollkommen vergas.

Das EAV-Archiv: Hast du das Schaffen der EAV in den letzten Jahren verfolgt und wenn ja: Wie gefallen dir die neuen Sachen?

Marina Tatic: Was mich betrifft, konntest du schon aus einigen Antworten eine leichte Brise an Missfallen erkennen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie entsetzt ich beim Besuch des Nachfolgeprogramms nach unserem Austritt war (Anm.: Marinas und Wilfrieds Austritt aus der Band). Die EAV hat mächtig an kritischen Betrachtungen verloren, dafür aber an Klamauk zugelegt, der nicht zuletzt den großen Erfolg begründete. Und: Der Erfolg gibt angeblich einem das Recht zu behaupten, dass alles bestens sei! Thomas ist ein extrem kluger Kopf. Er hat absichtlich die Form in diese Richtung geschliffen. Je weniger Ecken vernehmbar sind, desto größer ist die Akzeptanz. Insofern hat er doch Recht behalten. Mein Austritt kam rechtzeitig. Mit dieser Form hätte ich nichts anfangen können und die EAV mit mir auch nicht. Ich liebe und lebe den Weg der direkten Konfrontation. Thomas Spitzer versuchte diese immer zu vermeiden. Somit ist die EAV in der Form der bis zur Verwechslung verpackten Gesellschaftskritik für ihn das einzig annehmbare Resultat.

Das EAV-Archiv: Vielen Dank, Marina!

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